Scene

Id
3599  
Name
Endlich sprechen  
Summary
Off Cam - Die unbekannte Konstante trifft nach dem Entzug auf ihren alten Freund SVC. Aus ihrer Geschichte gespeist ist es ein Treffen voll zerbrechlicher Hoffnung - wie ein Sonnenaufgang.  
Position
2  
Scenetype
Off Camera  
Created At
2018-02-07 15:15:20  
Edited At
2018-04-05 18:49:41  
Show
Out of Ashes 2018  


Berlin, einige Tage vor Out of Ashes 2018.

Nebel liegt über dem PCWA Phoenix Center. Der weiße Dunst wabert über das grüne Areal, welches rund um das PCWA Theatre und den Dome angelegt wurde. Von der Dachterrasse aus sind sogar Wiese und Asphalt nicht mehr zu sehen. Nur hier und da blitzen ein paar Bäume oder Laternen aus den Nebelschwaden hervor. Letztere tauchen den Wasserdampf in ihrem Umkreis in ein grelles Gelb, das sein einsames Gefecht gegen das übermächtige Weiß zu kämpfen scheint.
Es ist früh am Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, doch im Hintergrund dröhnt schon leise der Berliner Berufsverkehr. Tausende wollen pünktlich zu ihrer Arbeit kommen, um auch an diesem düsteren Morgen ihrer alltäglichen Beschäftigung nachzugehen. Das Phoenix Center hingegen ist verwaist. Von der Dachterrasse aus ist keine Menschenseele zu dieser frühen Morgenstunde auf dem Gelände. Wieso auch? Die PCWA wird in einigen Tagen in München ankommen und ihre Großveranstaltung "Out of Ashes" abhalten... Nur ein einziger Mann steht oben und betrachtet das Naturschauspiel. Stevie van Crane. In eine wärmende Winterjacke gehüllt, den Kopf mit einer Mütze bedeckt schaut er sich um. Es liegt Wehmut in seinem Blick, als er ein marodes Stück Holz mit dem Fuß wegdrückt, um noch einen Schritt näher an die abschließende Mauer heran zu treten. Eine gestorbene Hoffnung trug ihn hierher. Der Wunsch, dass er hier und heute nicht alleine ist, dass der Himmelsbar-Bewohner nicht durch den undurchsichtigen Nebel verborgen bleibt. Tief atmet er die frische Luft ein und wieder aus. 
Wie ein Atemzug Geschichte, die dieser Ort in der PCWA geschrieben hat. Ein Ort für Freunde, für das Gute, das Himmliche. Gemeinschaft. Und schließlich ein Ort für die Isolation. Eine letzte Zuflucht. Heruntergekommen und abgewirtschaftet. Selbst gesuchte Einsamkeit. Das Gute blieb nur noch für jene Augen sichtbar, welche es schon vorher mal gesehen hatten.

So wie er.
Ein Atemzug. So bewusst spürbar und doch so flüchtig...

"Frisch, huh?!"

Stevie schließt die Augen und atmet aus. Sein Herz beginnt etwas schneller zu schlagen, als sich eine wohl bekannte Gestalt neben ihn gesellt. Durch seinen dunklen Parka hebt sich der Mann kaum von der ihn umgebenden Dunkelheit ab. Und doch glaubt Stevie neben der Aura, die er erspürt hat, den vertrauten Klang in seiner Stimme vernommen zu haben. Unverfälscht. Sauber. 
Nüchtern.

SVC nickt. Dreht den Kopf leicht nach links, versucht einen Blick auf sein Antlitz zu erhaschen. Einen Eindruck zu bekommen. Die Neugier hat ihn gepackt, aber auch die Angst ringt mit ihm. 
Denn so als läge ein unsichtbares Band zwischen ihm und dem Unbekannten, so als könne eine weitere Bewegung, ihn wieder fortzaubern oder verscheuchen, so vorsichtig lugt van Crane aus dem Augenwinkel auf die unbekannte Konstante. 

Und erkennt nicht viel mehr als ihren stoischen Blick in die Ferne.

Auch Stevie schaut zurück ans Ende der Welt.
Stillschwiegend stehen sie da: Während die Zeit weiter läuft, steht sie in ihrem subjektiven Empfinden still.

Denn sie erwarten die aufgehende Sonne, die ihre ersten, roten Strahlen am Horizont auf das dunkle Berlin schickt. Die Nacht, welche bis hierhin die Stadt fest im Griff hatte und gegen die all die elektrischen Lichter und Lampen nur ein billiger Versuch einer Erhellung waren, weicht den unbändigen Strahlen des glühenden Himmelkörpers. O welch wunderbares Zeichen für diesen Ort, für diese Geschichte, für diesen Mann. Auch ihm sei das Verlassen der Nacht, der eigenen Dunkelheit und Finsternis von Herzen gewünscht. 

Zumindest das Herz unseres alten Heldens, SVC, schlägt für ihn. 

SVC: "Es ist schwer, Worte zu finden."

Immer schneller scheint die Sonne empor zu wandern, nachdem sie erstmals zu sehen ist. Viel schneller, als man meint, fährt der gelbe Ball hinauf und taucht die Welt in ihr unabkömmliches Tageslicht. 

"Ja, es liegt viel hinter uns."

Stevie bemerkt erst jetzt, dass sich ihre Atemzüge einander angepasst haben. Im selben Rhythmus atmen sie ein und aus. Van Crane kann nicht anders, als diesen Einklang und die kitzelnden Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht für einen Moment zu genießen. Ein wohliges Gefühl breitet sich in seinem Magen aus. Vom Sonnengeflecht tief strömende Wärme.  
Es scheint ihm gar, als fühle sein Nebenmann gleich.

Eine Erinnerung aus Kindheitstagen wird wach, als Stevie mit seinem Vater angeln war. Seine Tochter Seraya redet viel mehr mit ihm, als er dies jemals selbst mit seinem Vater getan hat. Und trotz des Schweigens war da diese stille Vertrautheit gewesen, die er auch jetzt in diesem Moment spürt.
Ob dies auch für seinen Nebenmann gilt?

Oder hat den Namenlosen in diesem Augenblick der Stille die traurige Realität seiner gescheiterten Beziehungen noch mehr erfasst? Jetzt da zumindest seine körperliche Abhängigkeit besiegt scheint, könnten die seelichen Wunden noch mehr zu Tage treten. Stevie erinnert sich schmerzlich an seine Zeit nach dem Entzug. Geht es dem vertrauten Unbekannten ähnlich?
Er schüttelt sich. Innere Verletzungen sind nicht das geeignete Thema, um nach einer halben Ewigkeit ein Gespräch zu beginnen...

Nach all den gezwungenen Freundschaftsrettungsversuchen, all den geäußerten und nicht geäußerten Vorwürfen und Enttäuschungen, den Eifersüchteleien und Verfehlungen, nach den großen Matches...  

War diese Stille nicht das beste Gespräch, das sie seit Jahren geführt hatten...

Nach einer Weile ist es Tag. Ein wunderbarer Morgen. 

Allein der Nebel lässt noch erahnen, dass es etwas gibt, was die klare Sicht trüben kann. 
Und den klaren Atem. 
Stevie lächelt.
Er zückt ein Taschentuch und lüftet die Nase. 

SVC: "Guckst du es noch?"

Jetzt tut der Unbekannte es auch.
Lächeln... Gar mehr.
Ein Lachen, das die Antwort verrät: Natürlich guckt er noch. Natürlich verfolgt er die PCWA.
Wer wäre er, wenn er das nicht täte? Ja wohl nie und niemals ...
Konstant.

Stevie wirft das Tuch weg, hebt zaghaft die Hand. Das will er konservieren. Darauf will er aufbauen. 

Abschied... für heute.
Kein großer. Kein schmerzhafter.
Keiner für immer. Da ist er sicher.

Es liegt Hoffnung in seiner ungelenken Geste, als er den Rücken seines Nebenmanns zwei Mal mit der Handfläche touchiert. Zwischen den Schulterblättern.
Kurz. Sanft. Sich direkt wieder zurückziehend.

SVC: "Auf bald..."

"Auf bald. Es war..."

Er dreht sich ab. Verbirgt sein Gesicht. Verbirgt die Brüchigkeit. Die Verletzbarkeit. Tränen.
SVC macht einen Schritt zurück, presst die Lippen aufeinander und atmet mitleidend aus.

"...Es war schön, mit dir zu sprechen."

SVC: "Ja, finde ich auch. Das finde ich auch."

Und mit diesen Worten dreht sich Stevie um, tritt mit seinem Fuß auf das Taschentuch und wischt dabei unbemerkt ein bisschen Dreck vom Boden weg.
Inmitten der Dachterrasse erscheint ein sauberer Punkt.  
Out of Ashes.



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